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Athen wie Kabul?



Langsam wird deutlich, dass die EU und der IWF dabei sind, gemeinsam die Regierung in Athen zu űbernehmen. Hunderte von fremden Fachleuten sollen dauerhaft als ”Berater“ in Griechenland fungieren. Deutsche Finanzbeamte sollen den kaum existenten Fiskus aufbauen.

Man erinnert sich an die Inthronisierung des bayerischen Prinzen Otto als König von Griechenland im Jahr 1832. Damals zog ein langer Tross von hunderten Ochsenwagen quer durch den Balkan von Műnchen nach Athen, um die moderne Zivilisation ins Land der klephtes, der als Freiheitskämpfer getarnten Räuber, zu bringen. Mit im Zug waren Herr Clauss, der in Patras das berűhmte Weinhaus Achaia Clauss grűndete, und Herr Fuchs, der die erste und lange durch Monopol geschűtzte Brauerei Fix errichtete.

Jetzt sind es die deutschen Finanzbeamten, denen in der Heimat Mancher gerne Adieu sagt, die sich wie viele andere von Brűssel entsandten Fachleute langfristig in Hellas installieren werden, um den Griechen zu zeigen, wo’s lang geht.

Brűssel bestimmt nun nicht nur das Regierungsprogramm, sondern kűmmert sich auch um das micro management des staatlichen Apparats. Während der griechische Teil des Staates durch Massenentlassungen ausgedűnnt wird, wird die europäische Kontrolle massiv ausgebaut.

Das alles hat seinen guten Sinn. So wie die Griechen 1832 keinen eigenen Kandidaten fűr die Rollen des Königs und des Bierbrauers fanden, so sind sie heute nachweislich nicht in der Lage, sich einen effizienten Staat ohne fremde Hilfe zu schaffen. Einen Staat aber braucht man leider, wenn man alte Schulden tilgen und neue vermeiden muss.

Das Ganze vollzieht sich nicht reibungslos. So wie in Athen Schlangen potentieller Auswanderer vor den deutschen Sprachinstituten stehen, so muss in Brűssel und andernorts griechisch gebűffelt werden. Oder wird englisch die neue Amtssprache?

In jedem Fall lehnt derzeit die Hälfte aller Griechen das „Diktat“ aus Brűssel, Berlin und Washington ab. Die Demonstrationen der Entrechteten, der Arbeitslosen, der Verschuldeten, der Rentner und der unterschiedlichen Schattierungen von Autonomen in den Strassen der griechischen Städte erinnern an den Volkszorn in Afghanistan nach der Verbrennung von Kopien des Korans durch amerikanische Soldaten.

Wer befiehlt, űbernimmt Verantwortung. Sollte das Experiment der Troika nicht gelingen und Griechenland eben doch in die Staatspleite schlittern, dann wird der Volkszorn vor keinem Botschaftsgebäude halt machen.

Die Pleite aber sei unausweichlich, sagen Ökonomen, weil die Vorgaben aus Brűssel unrealistisch seien. Kein Land lasse sich in wenigen Wochen und Monaten so total umkrempeln, wie es die verschiedenen Memoranden verlangen, die das Athener Parlament derzeit im Fließbandverfahren absegnet.

Es spricht sich langsam herum, dass die Griechen Ende April die Mitte-Rechts-Parteien voraussichtlich abwählen werden. Noch tröstet man sich in Europa mit dem Gedanken, die Linksparteien seien zu zerstritten, um sich auf einen Koalitionsvertrag unter Fűhrung der Kommunistischen Partei KKE einigen zu können.

Das Programm der KKE ist in der Tat furchterregend: Ablehnung der Sanierungspläne, Nicht-Rűckzahlung der Schulden, Austritt aus dem Euro-Verbund, Austritt aus der EU und der NATO. Die Parteichefin Aleka Papariga verkörpert die stalinistische Tradition der Partei, die einst unter Moskauer Leitung den Reformkommunismus italienischen Typs bekämpft hat.

Doch man sollte nicht unterschätzen, welche Begehrlichkeiten die Aussicht auf Regierungspfrűnden bei den Kellerkindern der Linken wecken wird. Die fűr die Bildung einer Koalition nötigen Kompromisse lassen sich leicht als Dienst am Vaterland patriotisch verbrämen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Linken die Taliban in Brűssels Griechenland-Abenteuer spielen werden.

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—— Ihsan al-Tawil